Brautstehlen. Oder: Nichts ist so provinziell wie die Liebe in der Provinz

Einige Impulse und Überlegungen zu Bühnenlibretto, Videocollage und Hörspiel

von Christine Frei

Ich werde so gut wie nie zu Hochzeiten eingeladen. Möglicherweise weil jene, die ich persönlich kenne (mich selbst eingeschlossen), es schon längst hinter sich haben. Und zwar in jeder Hinsicht. Hinzu kommt: Autorinnen einzuladen ist gefährlich. Sie könnten auf schreiberische Gedanken kommen. Als eine Art Umwegrentabilität für das, woran man als Gästin so mitwirken darf. An Zeremoniell und Wartezeiten. Nicht zu vergessen die kabarettistischen Einlagen, wo sich der Spruch einer Anne M. Schüller bewahrheitet, die bei ihren Vorträgen über Gott und die liebe Wirtschafts- und Servicewelt häufig die Reaktionsfähigkeit ihres Publikums testet und dann lakonisch befindet: Ich sehe schon, die Talente sind ungleich verteilt.

Hochzeiten haben ihre ganz eigene und nicht immer sehr publikumsfreundliche Dramaturgie:  Erst wird stundenlang fotografiert, dann verschwindet die Braut. Und wer den Zeitpunkt ihrer ‚Entführung’ verpasst, fadisiert sich mit den Zurückgebliebenen. Kann Stunden dauern. Danach ist die eine Hälfte der Gesellschaft bereits schwer alkoholisiert, die andere entweder genervt oder depressiv. Weil wieder mal jäh vom richtig lustigen Leben ausgeschlossen. In einer Runde von Sitzengebliebenen. Ich übertreibe maßlos, vielleicht auch nicht.

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Braut singen quasi als Recherche-Variante: G. Plattner, C. Abdel Halim und C. Frei alias „The Wedding Sisters“ bei der Hochzeit unserer Grafikerin Claudia vormals Warwas jetzt Lindner im September 2013.

Jedenfalls wurde ich im letzten Jahr gleich drei Mal eingeladen. Ausgerechnet in einer Zeit, wo wir bereits intensiv über unsere Bewerbung für das nächste Freie Theaterfestival nachdachten. Provinz! Was ist das denn? Ich verwarf die Frage. Mich interessierte etwas anderes: ‚This ole devil called love’. ‚My ole lady’, lese ich im Wörterbuch, nennen sie irgendwann ihre Alte. Und die so Bezeichnete spricht von ihm häufig auch nur noch in der dritten Person. Er – halt. Wenig liebevoll. Trotzdem wollten sie irgendwann mal heiraten, die zwei, hängt das Hochzeitsbild nach wie vor irgendwo in der Wohnung, steckt das weiße Kleid noch fein säuberlich verpackt in einer Schachtel. Jede zweieinhalbte Ehe wird statistisch gesehen nach sieben bis zehn Jahren geschieden. Sei´s drum. Lass uns doch heiraten, am liebsten in Weiß. Sogar bei Lesben und Schwulen, die kann nicht mal das Unwort Verpartnerung davon abhalten. Nur die Polyamourösen lächeln milde, sie haben möglicherweise den realistischsten Blick auf das Ganze. Man kann und sollte nicht nur eine/n lieben.

Doch sobald sich zwei (ob gegen- oder gleichgeschlechtlich) für eine Heirat entscheiden, entpuppen sich selbst jene, die wir zuvor für so was von bodenständig, weltoffen, aufgeklärt, pragmatisch und sogar in gewisser Weise für individualistisch-alternativ hielten als kitschanfällige ProponentInnen für das ganz normale Hochzeitsstandardprogramm inklusive aller althergebrachter Riten. Und wer nicht schon hier liebt und lebt, der fährt mittlerweile sogar zum Heiraten gerne in die Provinz. So wie wir. Unter anderem nach Stockach (im Außerfern) oder nach Tschengls (in den Vinschgau), wo uns der Altpfarrer in seiner Predigt mit angewidertem Blick erklärt, dass es nun tatsächlich so was wie eine Homo-Ehe gäbe. Himmel! Dabei ist im Lande des Vatikans die Kirchenwelt eh noch in Ordnung. Und beginnt sinnigerweise gleich bei Adam und Eva. Nein, das habe der liebe Gott nun wirklich nicht gewollt. Um sich schließlich lauthals zu beklagen, dass sich niemand mehr zu ihm hin-traut. Fünf Jahre sei die letzte Trauung schon her.

Und immer wieder das gleiche Procedere. Warten auf den nächsten Programmpunkt, das Essen, die Brautwiederkehr. Irgendwann hat sich der Alkohol- und Lustigkeitspegel unter den Gästen wieder so weit angeglichen, dass sich urplötzlich die gesamte Schar (naja fast die ganze, mit Ausnahme vielleicht von Rollator-, Kinderwagen- und möglicherweise auch Frauen-bewegten Randerscheinungen oder ‚Miesepetras’) in eine Polonaisenreihe einfädelt und sich von einem kokett mit den Hüften wippenden Trauzeugen durch den ganzen Saal ziehen lässt. Hatte ich das richtig verstanden? Sang der da eben wirklich grad von zehn nackten Friseusen? Als ob sie die Frage in meinem Gesicht lesen könnt, steht ebenso plötzlich meine Cousine neben mir, die sich an diesem Tag als Braut verkleidet hat. Hübsch sieht sie aus. Mit ihrem Baby am Arm, was dem alten Pfarrer naturgemäß ebenfalls gründlich missfiel. So in Sünde gezeugt. Jaja, auch das gibt es noch in der Provinz. Pfarrer, die Brautleuten dann vor Publikum ihre vorehelichen Sünden verzeihen. Und in der zweiten Reihe sitz ich, zwischen Mutter und Partnerin. Das hat er glücklicherweise nicht gewusst. Er wär möglicherweise sofort tot umgefallen. Sie steht also da. Lacht mit ihrer unvergleichlich hohen Stimme (wo sie die nur her hat, niemand in unserer Familie lacht in der dritten Oktav) und meint: Na, das müsst jetzt doch wohl für einen Einakter reichen, oder? Nun, für eine Szene allemal. Wobei ich hinzufügen muss. Der Untertitel für die Bewerbung fürs 4. Freie Theaterfestival stand zu diesem Zeitpunkt bereits fest. ‚Was gibt´s Provinzielleres als die Liebe in der Provinz?’

Und weil grad Wahlen waren, sagt einer zu mir: Du kannst die Grünen wirklich nicht mehr wählen, ganz ehrlich. Man kommt sich ja als Mensch mit Werten mittlerweile richtig in der Minderheit vor. Offenbar gibt´s bei denen ja nur noch Patchwork. Aber war das nicht beim BZÖ? Egal. Und noch was: Sag bloß der Verwandtschaft nicht, wie Du jetzt lebst. Hörst Du. Die würden das garantiert nicht verstehen. Natürlich. Und hast Du schon gehört: vor einigen Wochen steht bei der einen Tant ein älterer Herr in der Tür. Er hätte sich gern mal bei ihr erkundigt, wie denn sein Vater so war. Als Mensch und überhaupt. Er habe ihn ja leider nie kennen gelernt. Das Leben schreibt doch immer noch die absurdesten Geschichten.

Stoff über Stoff. Eigener wie entliehener, zugetragener wie zugelaufener. Gehörtes, Gesehenes, Erlebtes. Zu ‚quasi quasi un opera buffa e provinciale’ verwoben und verdichtet.